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Was fasziniert dich am Expeditionspaddeln?
Der rote Faden auf allen Reisen ist ganz klar das Kajakfahren. Darüber hinaus finde ich es enorm spannend, andere Landschaften und Kulturen kennen zu lernen. Das geht mit dem Boot besonders gut, weil man an Flüssen immer ursprünglichere Leute trifft als in Städten.

  
Vitim / Sibirien    Ganz besonders faszinieren mich Gepäckfahrten mit guten Freunden über mehrere Tage (und die Logistik drum herum), Flussfahrten von der Quelle möglichst bis zur Mündung, das asketische Leben mit einem Minimum an Gepäck, weg zu sein von den Zwängen unseres modernen Lebens und sich in dieser Situation auf das Elementare besinnen zu können.
 
 
Eche Gol / Sibirien   
Wo musst du noch hin?
Es gibt viele Flecken auf dieser Erde, die mich interessieren würden, für ein Menschenleben sind es aber leider definitiv zu viele. Ganz oben auf meiner Wunschliste kursieren immer noch Kirgisien, der Altai in Russland, Mexiko, Peru, aber auch gerne noch mal der Iran.

 
Was ist dein Lieblingsbach?
Dieser Frage muss ich seit jeher ausweichen. Ich hab nämlich keinen dezidierten Lieblingsbach. Wahnsinnig gern paddele ich "Bandit Runs", womit meine Paddlerkollegen aber die Befahrung schwerer Flüsse (Innschluchten, Soca-Schlucht, Pitzbach, Ötz und Brandi) im Schnelldurchgang meinen.
Für einen Luxus-Trip darf es auch gerne der Grand Canyon sein. Wenn's schnell gehen muss, kann ich auch auf der Bamberger Welle viel Spaß haben. Der besondere Reiz aber bleibt die Befahrung neuer und unbekannter Flüsse. Ich liebe das Gefühl, vorsichtig um die nächste Ecke zu fahren und nicht schon vorher zu wissen, was da kommt.
 
 
Im Extrembereich scheint man an der Grenze dessen, was der menschliche Körper aushalten kann, angekommen zu sein. Kannst du dich mit solchen Husarenritten identifizieren?

Wenig. Für mich habe ich über all die Jahre immer versucht auf meine innere Stimme zu hören, meine Möglichkeiten und die zu erwartenden Schwierigkeiten realistisch einzuschätzen - und deshalb auch öfter mal "nein" gesagt.
Was die Jungs sich heute runterhauen ist für mich zum großen Teil definitiv nicht mehr nachvollziehbar. Die Husarenritte kursieren natürlich immer ganz oben in den Medien. Was dort allerdings eher selten zu finden ist, sind diejenigen, bei denen es nicht gut ausgeht, die mit Querschnitt oder anderen Schäden im Rehazentrum rumrollern. Für die interessiert sich keiner mehr.
  
 
  Wie sieht deine Vorbereitung bei Kernstellen aus?
Zuerst schaue ich mir die Stelle von allen Seiten an. Wenn ich eine Linie erkennen kann, die ich mir 100 % zutraue, spiele ich den Ablauf mental ein paar Mal durch. Dann höre ich in mich rein. Empfinde ich ein "Scheißegal-Gefühl", mahnt mich meine Erfahrung zur Vorsicht. Angst hat für mich zwei Dimensionen. Angst kann die Aufmerksamkeit steigern und zu einem positiv mulmigen Gefühl führen. Die daraus resultierende Motivation sagt mir: "Tu es!" Mischen sich aber negative Emotionen darunter oder nimmt das Ganze blockierende Züge an, schultere ich mein Boot.
 
 
  Ledni / Sibirien  
 
Was hältst du von einer Öffnung der Schwierigkeitsskala?
Das wäre sicherlich eine gute Idee, da im oberen Bereich eine genauere Differenzierung möglich wäre, gerade was technische Schwierigkeit und Gefahrenpotenzial einer Passage anbetrifft. Allerdings finde ich die Schwierigkeitsbewertung beim Kajakfahren ohnehin sehr problematisch, da viele Einflüsse wie Wasserstand, stete Veränderung etc. eine statische Bewertung, etwa wie beim Klettern, unmöglich machen. Ich mag deshalb Beschreibungen, die auch Vergleiche mit bekannten Flüssen beinhalten.
    
 
 
Rizzanese / Korsika   
Du bist Vorstand einer Medizintechnik-Firma. Welche beruflichen Fähigkeiten helfen dir im Kajaksport weiter?

Die Frage sollte andersherum gestellt sein. Ich glaube, dass einen sportliche Erfahrungen prägen können und auf das "echte Leben" übertragbar sind. Ich denke da an Durchhaltevermögen, Teamgeist, Kommunikation, verlieren können. Oder daran, dass man Situationen (wie an schweren Stellen) erst mal aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und sich alternative Handlungsstrategien zurechtlegt, bevor man eine Entscheidung trifft.

 
Dein Terminkalender ist voll, du jettest von einem Meeting zum nächsten, und doch findest du Zeit, viel Paddeln zu gehen. Ein Traumleben?
Ich liebe Abwechslung. Ich liebe es genauso im schwarzen Anzug Verhandlungen zu führen, wie irgendwo im Zelt zu hausen. Das eine ist Ausgleich fürs andere. Das Ganze funktioniert allerdings nur mit effizientem Zeitmanagement und guten Freunden.
 
  Ein Buch über die Eskimorolle hast du auch geschrieben ...
Ich habe schon immer viel Spaß daran gehabt, Kajakfahren auch anderen zu vermitteln. Das tue ich seit mittlerweile über 15 Jahren bei der Kanuschule Noris und ähnlich lang an der Sportuni Erlangen-Nürnberg. Das Buch ist aus einem Skript entstanden, welches ich seinerzeit für meinen Uni-Kurs verfasst hatte. Die Intention des Buches besteht darin, die Rolle nach vorne zu propagieren, die aus hundert anatomischen, funktionalen und verletzungstechnischen Gründen der klassischen Bogenschlagrolle überlegen ist. Leider sieht man immer noch Paddler, die nach hinten rollen.
 
 
 
Deine nächsten Paddelpläne?
Im Moment laufen die finalen Vorbereitungen für einen zweiten Sibirien-Trip im Juli mit Sebbi Gründler, Stephan Huber und Viktor Klaus. Im Kodar-Gebirge in Zentralsibirien möchten wir den Nebenbach eines Lenazuflusses von ganz oben bis zur Mündung befahren und insgesamt drei Nebenflüsse erkunden.

 
Topa / Sibirien

Was bringt die Zukunft für den Paddelsport?
Bedenklich stimmen mich die Ansprüche von Interessengruppen, die ganze Flüsse als ihr Eigentum betrachten, etwa weil sie Hegerecht (oft nicht-heimischer Fische) höher bewerten als Gemeinnutzungsrecht. Oder auch jene Zeitgenossen, die den Menschen in fundamentalistischem Naturschutzwahn am liebsten ganz aussperren würden und den Frust ihrer eigenen schwachen Position dann natürlich immer an den noch Schwächeren auslassen, den Paddlern. Nicht zu vergessen natürlich diejenigen, die am liebsten auch noch die kleinsten Rinnsale für Wasserkraftwerke aufstauen würden. Was sportliche Entwicklung anbetrifft, so habe ich den Eindruck, dass die Zeiten der großen Sensationen vorbei sind. Neue Maßstäbe im extremen Wildwasser lassen sich nur noch unter Einsatz der Gesundheit oder gar des Lebens erreichen.
  
Vitim / Sibirien
 
  Im Rodeo scheint sehr viel vertikaler als vertikal auch nicht ohne Weiteres möglich. Im Bootsbau ist für mich, außer was neue Materialien anbetrifft, auch keine Revolution mehr möglich. Auf der anderen Seite sehe ich, dass der Normalpaddler immer noch mit seinem Diablo die Koritnica runterschippert, genau wie vor zehn Jahren und ihm strahlt immer noch die pure Freude aus dem Gesicht. Und darum geht es schließlich: Spaß zu haben, Flow zu leben, egal ob extrem oder nicht.
 
 
 
Interview & alle Fotos: Sebastian Gründler
Text vorher schon erschienen im Kanumagazin 4/2005
   Zum Jens-Reinhold-Profile 2000
Zum Buch "Eskimorolle" von Jens Reinhold
 
  
 
  
(Page released November 2005)
  
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